Großer Jubel in der FLENS-ARENA! Die SG Flensburg-Handewitt entschied das 92. Landesderby für sich. Mit dem 30:29 (13:14) über den THW Kiel bauten die Gastgeber die Tabellenführung in der DKB Handball-Bundesliga aus. „Ich finde, wir haben verdient gewonnen“, bilanzierte SG Trainer Ljubomir Vranjes. „Wir müssen die ganze Saison und das Hinspiel sehen – dann gleichen sich die Dinge aus.“ Zur Erinnerung: Im November hatte die SG mit 23:24 in Kiel verloren. „Ich bin stolz auf meine Mannschaft, die in einer hochklassigen Partie mindestens einen Punkt verdient gehabt hätte“, sagte THW-Coach Alfred Gislason. „Aber Ähnliches kann Flensburg über das Hinspiel sagen.“

Draußen lag der Schnee, drinnen herrschte Derby-Fieber. Schon eine Stunde vor Anpfiff war die Nordtribüne rappelvoll. Der erste emotionale Höhepunkt: Die SG ehrte Kentin Mahé für seinen WM-Titel. Die Starformation im Rückraum bildeten Holger Glandorf, Thomas Mogensen und Rasmus Lauge. Letzter brach nach nur 29 Sekunden durch die THW-Defensive. Was für ein Auftakt! Sofort weht ein akustischer Orkan durch die FLENS-ARENA. „Dieses Derby war wieder ein fantastisches Erlebnis“, meinte SG Geschäftsführer Dierk Schmäschke.

Im Vorfeld musste die SG eine weitere Hiobsbotschaft verdauen. Kapitän und Abwehrchef Tobias Karlsson hatte sich beim Abschluss-Training verletzt: ein Sehneneinriss im Oberschenkel. Sechs bis acht Wochen wird er ausfallen. Jacob Heinl führte deshalb die Seitenwahl aus, lief als erster SG Akteur in die „Hölle Nord“ ein und stand zusammen mit Henrik Toft Hansen im Mittelblock der 6:0-Abwehr. „Es hat mich beeindruckt, wie die beiden aufopferungsvoll gekämpft haben“, berichtete Ljubomir Vranjes. „Wir hatten nur eine halbe Übungseinheit, um alles einzustudieren.“

Die SG erwischte einen Traumstart. Als die Kieler eine Unterzahl mit einem zusätzlichen Feldspieler ausglichen und den Ball verloren, landete dieser blitzschnell bei Lasse Svan, der nur noch locker einwerfen musste. Gleichzeitig entfachte der Rechtsaußen eine Party. 5:1 hieß es, und es waren noch keine fünf Minuten gespielt. Der THW antwortete allerdings im Stile einer Spitzenmannschaft und kämpfte sich schnell zurück. Auch die SG leistete sich einen Fehler, während das Gehäuse verwaist war. Niklas Landin bestrafte dies mit einem humorlosen Distanzwurf. 5:5! Überhaupt war der THW-Keeper häufiger ein Spielverderber. Im Angriff lief fiel über Domagoj Duvnjak. Die Gäste gingen einige Male mit einem Treffer in Front. Der Derby-Fight brannte lichterloh. Dabei mischten nun auch Jim Gottfridsson, der sich mit Thomas Mogensen und Rasmus Lauge die Spielanteile teilte, und Kentin Mahé, der für Anders Eggert auf der linken Außenbahn wirbelte, mit. Jim Gottfridsson traf mit energischen Willen zum 10:9.

Die SG gewann kurzfristig wieder Oberwasser – nach vorne gepeitscht vom Publikum und stehenden Ovationen. Holger Glandorf schoss durch die Kieler Deckung und erhöhte auf 12:10. Er befeuerte ein Freudenfest. Die beiden Keeper zeigten nun Glanztaten, Mattias Andersson nervte mehrmals Domagoj Duvnjak mit tollkühnen Paraden. Es war schon ein Husarenstreich, als Rasmus Lauge bei drohendem Zeitspiel mit Zielwasser abzog. 13:12! Dennoch war es nichts mit der Pausenführung. Nikola Bilyk fasste sich praktisch mit der Halbzeit-Sirene ein Herz.

Zwar erhöhte Niclas Ekberg per Siebenmeter gleich nach Wiederbeginn auf 13:15, das lähmte den Elan der SG aber nicht. Kentin Mahé schaffte mit einem Doppelschlag den 16:16-Ausgleich, agierte danach aber zu forsch gegen Christian Zeitz und kassierte eine Zeitstrafe. Die SG überstand die Unterzahl gut, rannte aber dennoch stetig einem knappen Rückstand hinterher. Obwohl Mattias Andersson gut hielt, verpuffte nach 38 Minuten die vorerst einzige Chance, selbst wieder vorzulegen. Die Sorgen auf den Rängen wuchsen. Patrick Wiencek traf zum 19:21. Es drohte gar ein Drei-Tore-Rückstand, doch Mattias Andersson erwies sich als Fels in der Brandung. „Beide Teams waren auf Augenhöhe“, erkannte THW-Manager Thorsten Storm. „Aber ich hätte gern gesehen, was passiert wäre, wenn wir mal mit drei Treffern vorne gewesen wären.“

Die SG berappelte sich wieder. Kentin Mahé hatte Nerven von der Siebenmeter-Linie, Lasse Svan versenkte einen Gegenstoß. 23:23 – in der „Hölle Nord“ hielt es keinen mehr auf den Sitzen. Die Spannung war nicht mehr zu überbieten. Eine turbulente Szene nach 52 Minuten: Holger Glandorf zog ab, Rene Toft Hansen rasselte mit ihm zusammen. Die Schiedsrichter zuckten für den THW-Spieler die rote Karte. Eine Entscheidung, die wohl zu hart war. Der THW musste seine Abwehr umstellen und agierte – um die Unterzahl zu überbrücken – kurzfristig ohne Schlussmann. Auf der anderen Seite parierte Mattias Andersson und bediente dadurch zufällig Kentin Mahé, der aus großer Distanz das 27:26 markierte.

Beide Teams hatten Chancen für den Sieg. Domagoj Duvnjak tänzelte mit letzter Energie zum 29:29. Letztendlich hatte die SG mehr Glück. Holger Glandorf traf zwar nur den Innenpfosten, doch der Abpraller landete direkt vor Kentin Mahé, der nur noch einzuschieben brauchte. „Wahnsinn“, schnalzte Ljubomir Vranjes mit der Zunge. „Kentin kommt als Weltmeister, zeigt eine Weltklasse-Leistung in seinem Verein und erzielt das entscheidende Tor.“

Der THW hatte zwar noch eine gute Minute den Ball, konnte sich aber nicht mehr durchsetzen. Nikola Bilyk blieb mit dem letzten Versuch hängen. „Leider sind wir einige Mal zu oft an Mattias Andersson oder am Pfosten gescheitert“, trauerte Alfred Gislason dem möglichen Coup nach. „Auch beim Rückzugsverhalten muss ich Abstriche machen, bin insgesamt mit der Leistung meiner Mannschaft aber zufrieden.“ Derweil feierten SG Spieler und Fans gemeinsam den Derby-Sieg. „Die Nummer eins im Land sind wir“, schallte durch das Rund. „Dieses Spiel war gewiss wichtig“, sagte Dierk Schmäschke. „Aber wir haben allein in der DKB Handball-Bundesliga noch 15 Spiele vor uns.“

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