Auszug aus einem Originalvertrag zwischen Leihmutter

und sogenannten biologischen Eltern in den USA

 In Vitro/Surrogate Implantation Agreement

Zwischen Mary Smith, einer verheirateten Frau (hier bezeichnet als „Stellvertreterin“), Mike Smith (hier bezeichnet als „Ehemann“), John Doe (hier bezeichnet als „biologischer Vater“) und seiner Frau Jane Doe (hier bezeichnet als „biologische Mutter“) wird hiermit und eigenhändig folgender Vertrag geschlossen.

 

Darlegung des Sachverhalts

Dieser Vertrag wird geschlossen unter Hinweis auf folgende Tatsachen:

1. John Doe, biologischer Vater und Jane Doe, biologische Mutter sind Ehemann und Ehefrau, über 18 Jahre und fester Absicht, diesen Vertrag zu schließen.

2. Die Absicht und der Zweck dieses Vertrages ist es, John Doe zu ermächtigen, ein Ei seiner Ehefrau Jane Doe in vitro zu befruchten, um es Mary Smith einzupflanzen, die sich verpflichtet, das befruchtete Ei und später den Embryo auszutragen und nach der Geburt des Kindes dessen Pflege und alle Erziehungsrechte aufzugeben und den biologischen Eltern John und Jane Doe gemäß des Vertrages zu übergeben.

3. Mary Smith, Stellvertreterin und Mike Smith, ihr Ehemann, sind älter als 18 Jahre und fester Absicht, diesen Vertrag zu schließen, unter Berücksichtigung des Folgenden: (…) 1) Mary Smith (…) und Mike Smith (…) erklären, dass sie (…) keine Eltern-Kind-Beziehung zu irgendeinem Kind von John und Jane Doe aufbauen werden, (…), dass sie im Gegenteil alle Erziehungsrechte, sofern überhaupt solche bestehen, sofort nach der Geburt des Kindes aufgeben werden, …dass sie mit Durchleuchtung ihrer medizinischen, familiären und persönlichen Geschichte einverstanden sind.

…dass der einzig und alleinige Zweck der Geburt des Kindes darin besteht, alle Erziehungsrechte und die Pflege in die Hände der natürlichen und biologischen Eltern John und Jane Doe zu legen.

2) (…) Mary Smith, Stellvertreterin, erkennt an, dass sie nach erfolgreicher Implantation eines Embryos/Fötus (hier bezeichnet als „Kind“) bis zur Entbindung austrägt (…) und dass dies im besten Interesse des Kindes ist.

…dass sie nicht als Angestellte, sondern als Vertragspartner von John und Jane Doe tätig ist.

3) [A] (…) $ 15.000 werden an Mary Smith gezahlt (…) nach Erfüllung ihrer Aufgaben und Pflichten…

4. Im Falle einer Fehlgeburt vor Ablauf des dritten Monats der Schwangerschaft wird keine Entschädigung an Mary Smith gezahlt…

5. Mary Smith, Stellvertreterin und Mike Smith, Ehemann (…) sind einverstanden, alle Risiken, einschließlich das Risiko des Todes, anzunehmen, sofern sie in Verbindung mit Ei-Implantationen, Schwangerschaft, Abtreibung, Geburt und postnatalen Komplikationen in Verbindung stehen…

6. Mary Smith, Stellvertreterin, erklärt, dass sie nicht abtreibt (…) außer (…) das Kind ist nach Meinung des behandelnden Arztes physiologisch abnormal. (…) In diesem Falle (…) erklärt sich Mary Smith einverstanden, nach Verlangen von John und Jane Doe, den Fötus abzutreiben.

7. Mary Smith, Stellvertreter und Mike Smith, Ehemann, erklären hiermit, sich in psychiatrische Betreuung zu begeben …

8. (…) Im Falle des Todes von John und Jane Doe vor (…) der Geburt des Kindes, erklären die Stellvertreterin und ihr Ehemann hiermit, das Kind in die Hände eines von John und Jane Doe bestimmten Vormundes zu geben.

 

Eingabe A – Zusammenstellung der Kosten

 

Anwaltshonorar………………..15.000

Leihmutterhonorar……………15.000

Werbehonorar……………………….500

Anwaltshonorar Leihmutter….800

Geschätztes Arzthonorar………800

Arzthonorar für In Vitro

Implantationen……5.500 – 10.000

Psychische Durchleuchtung

der Leihmutter…………………..500

Lebensversicherungspolice

der Leihmutter…………………..800

Schwangerschaftskleidung……..500

Bluttests für Mutter- und

Vaterschaftsbeweis………………1.000

Porto……………………………….variabel

Reisekosten……………………..variabel

Medizinische Vers…………..variabel

Leihmutter-Hilfsprogramm……300

1 Kaleidoskop

 

VON MUSSE EREILT  Ein Mann, Für Den Zeit Geld War und der hastig sein Frühstück herunterschlang, um einen Zug zu erreichen, hatte seine Zeitung gegen die Zuckerdose gelehnt und las während des Essens. In seiner Eile und Zerstreutheit stach er sich ein Gäbelchen ins rechte Auge, und als er die Gabel entfernen wollte, kam das Auge mit heraus. Als er sich daraufhin eine Brille kaufen musste, ließ ihn die unnötige Ausgabe für die rechte Linse gleich verarmen, und der Mann, Für Den Zeit Geld War, musste seinen Lebensunterhalt mit einer Angel am Ende des Kais verdienen.

AMBROSE BIERCE

 

KALEIDOSKOP

 

Ich schaukelte schläfrig in der wettergegerbten Hängematte am Höhenleitwerk und ließ den lieben Gott einen guten Mann und das klaffende Ozonloch über mir einen bösen Traum sein. Bloß nicht bewegen. Bewegung schadet meiner Figur und meinem Image. Vorne aus dem Flugzeugrumpf drangen schwach ein paar halbherzige Schlafzimmergeräusche an mein Ohr – ansonsten schwieg der Menschen laute Lust.

Leider verhagelten ein paar hartnäckig wiederkehrende Grübeleien mein perfektes Dolce-Vita-Gefühl.

Ich bin Narziss und Phlegmatiker. Genau in dieser Reihenfolge. Bisweilen bewundere ich die Trägheit und das dicke Fell, mit dem ich vermutlich schon auf die Welt gekommen bin. Meine Eltern wurden nie müde, mir zu predigen, dass ich es mit dieser Kombination nicht weit bringen würde. – Andererseits gibt es in meinem Mutterland eine ganze Kaste, die es auf genau diese Art sehr weit gebracht hat: Banker, Politiker, graue Herren. Bis zur Spitze haben es diese Zeitgenossen getrieben, sind Spezialisten in Sachen Aussitzen, Vorteilsnahme und Ämterhäufung und haben mit einem Sozialstaat oder sozialer Marktwirtschaft soviel gemein wie Mutter Teresa mit Lady Gaga. – Die meisten, die mich kennen, würden meiner Mama Recht geben. Zu meinem Glück gibt es auch solche, die mich nicht kennen.

Als ich meinen kalifornischen Traum nach einem gescheiterten Psychologie-Studium in Berkeley ausgeträumt hatte, fand ich, ohne dass ich genau sagen könnte wie, in den Hohen Norden. Anstatt auf einem Hausboot in Sausalito in der San Francisco Bay bin ich in einer Blechzigarre auf der Flensburger Förde vor Anker gegangen. Im wahrsten Sinne des Wortes.

„Das Tor zur Welt stand weit offen und du Trottel bist durchgegangen. Einmal über den Labskaus-Äquator und du findest den Weg zurück nicht mehr. Typisch, Mark Rytter!“ So weit der Kommentar meines heimlichen Mentors, ein Juwel und Bonmot aus der Zitatenwundertüte von Harm Feddersen.

Harm ist unser Mitbewohner in dieser schicken Metallröhre im alten Mürwiker Marinehafen und alles andere als harmlos. Nun, uns vieren tut er nichts. Wenn er aber als Bulle auf St. Pauli seine Herde schutzpolizeilich hütet, möchte ich ihm lieber nicht begegnen. Zum Glück ist unser POM Feddersen nur an seinen wenigen freien Tagen in Flensburg und sieht in der Flugschiff-WG am alten Anleger nach dem Rechten.

Der mächtige Kai, der uns als Anlegeplatz und Versorgungsweg dient, hieß in seiner Marinevergangenheit Blücherbrücke. Heute muss niemand mehr feindlichen Flotten trotzen. Trotzdem scheint das Ding für die Ewigkeit gebaut.

Unser Domizil ist ziemlich originell, ziemlich zugig, doppelt so alt wie ich und heißt P 51335. Das Projekt 51335 ist allerdings besser bekannt als Do X, ein Flugschiff aus der Werkstatt des genialen Flugzeugbauers Claude Dornier.

Heute ist die Blücherbrücke Teil eines zivilen Vorzeigeprojekts für Immobilien-Anleger. Mein Flugschiff ist neben dem Wasserflugzeug der Siedlung die Attraktion der ehemaligen kaiserlichen Marineschule Mürwik, die jetzt den trendigen Namen Sonwik führt.

Sonwik ist eine mächtig moderne Lifestyle-Suburbia mit gläsernen Domizilen auf Stegen, mit schicken 20-Meter-Yachten, dem Backsteincharme vergangener Kasernentage und einem viel zu teuren Italiener. Diese norddeutsche Variante von Sausalito-Feeling und California-Dreaming entspricht der hiesigen Vorstellung von Schickeria-Anbindung an die ehemals mächtigste Handelsmetropole Nordeuropas. Für solcherlei Lorbeeren fehlen Flensburg trotz reger Kleinkunstszene ein paar echte Blumenkinder und Lebenskünstler – obwohl ich mir alle Mühe gebe –, aber vor allem ungefähr tausend Sonnenscheinstunden pro Jahr.

Im Augenblick schien die Sonne aber mit ungewohnter Konstanz, und ich döste tagträumend in meiner Hängematte auf unserer Terrasse am Höhenleitwerk des Dornier-Flugbootes und versuchte, mich vor meinen Pflichten zu drücken. Ich sollte als Gästeführer der Stadt Flensburg im Deutschen Haus vor einer Gruppe süddeutscher Pensionäre zum Thema „Flensburg – die herbe Schöne im Hohen Norden – jo mei!“ referieren. Und obwohl die Flensburger Sonne mir das Hirn versengte, hatte ich mir schon ein paar Sätze überlegt.

Flensburg verdankt seine Existenz einem 400 Meter dicken Eisklops! Okay, jedenfalls im übertragenen Sinne. Aber ein Knaller gleich zu Beginn lockert die Stimmung, oder? Flensburg liegt an der gleichnamigen Förde, Deutschlands größtem Fjord und ohne besagten, mittlerweile geschmolzenen Eisklops hätte die Stadt nicht diesen historiengetränkten Naturhafen inmitten Villen überwucherter Hänge. Die Stadt schmiegt sich an ihre eiszeitlichen Hügel und birgt ihren lebensspendenden Hafen wie ein Mutterleib den Fötus. Flensburg geht sozusagen permanent schwanger mit ihrer Förde. Das war echte Lyrik, die Leute würden jubeln. Der Mutterkuchen ist natürlich der Hafen, und der ist dank der Nabelschnur Förde mit der Welt verbunden. Wie sie sich so Richtung Ostsee windet – ziemlich spektakulär übrigens, was der Grund dafür sein mag, dass am dänischen Nord- und deutschen Südufer der Meereskerbe die echten Pfeffersäcke zu finden sind – leitet sie das tollste Wasser nördlich vom Nil ins Meer. („Früher konnte man seine Fotos im Hafenwasser entwickeln“, würde ich scherzhaft hinzufügen. „Heute dagegen Laichen die Heringe wieder.“) Im Gegenzug lädt sie sich die große weite Welt mit ihren Waren in die gutbürgerlichen Kaufmannsstuben. Na ja, das Bild war etwas schief geraten, aber der Effekt… Mir gefiel mein Vortrag. Ob er auch den Erwartungen von 38 niederbayrischen Almbauern entsprechen würde? Es blieben gelinde Zweifel. Vielleicht sollte ich meine Hängematte mit ins Deutsche Haus nehmen. Die wirkte so schön beruhigend.

Mein Dornier Do X Flugschiff rostete am Anleger Sonwik an einem vergessenen Kai halb ausgeschlachtet vor sich hin. Die Geschichte, wie diese wahre Legende der Lüfte in meinen Besitz gelangte, würde einen ganzen Roman füllen. Den beabsichtigte ich schon seit Jahren zu schreiben. Mehr als ein paar Gedichte hatte ich jedoch bisher nicht zu Papier gebracht. Das Dolce Far Niente war mein Métier. Flugschiffrümpfe entrosten und Romane schreiben strapazierte meine Gemütsruhe über Gebühr. Dennoch verdiente ich meine Salamibrote mit Wort und Tat. Die Do X zog immer wieder Schaulustige an. Aber anstatt den Neugierigen das ramponierte Flugschiff zu zeigen, verpasste ich ihnen lieber eine gediegene Flensburg-Tour. Mit einem echten Kreuzfahrer – der MS Europa am Flensburger Harniskai – hatte alles angefangen.

Ich bin kein pizzafressender, frauenverachtender Menschenfreund, kein Marlowe im Mike-Hammer-Format, kein Westentaschen-Walker und auch kein Gehirnwindungs-Archer. Ich nenne weder Densons dickköpfige Professorenschläue noch Peters penetrante Hartnäckigkeit mein eigen. Ich besitze nicht Spades Zynismus, und Cockes Dreistigkeit geht mir völlig ab. Eigentlich bin ich nicht einmal ein richtiger Detektiv. Ich bin ein Reiseleiter, ein Gästeführer, ein Pfadfinder, einer, der zu viele amerikanische Kriminalromane verschlungen, zu wenige verstanden und den eigenen immer noch nicht geschrieben hat. Es gibt Leute, die halten Champ für ein neues Hundefutter. Die kennen mich nicht. Ich bin ein müder, etwas zu fetter und etwas zu fauler Pubertätsvertriebener im Erwachsenenexil. Ein Süchtiger mit Entzugserscheinungen. Das heißt, ich war es, bis ich an jenem Samstag im Juni der Familie Fleischhauer begegnete.

Ich stand vor einem Bus hinter den Drahtsperren im Schatten des Ozeanriesen, wartete auf ein paar VIPS aus dem Heer der Landgänger und musterte kritisch mein Spiegelbild in der getönten Windschutzscheibe. Energisch fuhr ich mit einem Kamm durch meinen kurz geschorenen Schopf. Das kräftige, dunkle Haar zeigte beginnende Auflösungserscheinungen, die sich aber mit gebührendem Großmut so gerade noch als Geheimratsecken interpretieren ließen. Die ersten zarten Fältchen um die Augenwinkel waren da schon schwieriger zu erklären. Ich grinste mein Spiegelbild unverschämt an – Lachfalten, genau!

Zwei kaugummikauende, Gucci-beschuhte Muskelpakete, die weiter hinten an einem Hummer lehnten, bedachten meine Verschönerungsaktion mit spöttischen Blicken. Ihre Carrera gestylten Sonnenbrillen glitzerten höhnisch im Neonlicht der Wartehalle. Lackaffen!

Ich konzentrierte mich wieder auf meine eigene Erscheinung. Kratzte nachdenklich meine Kauknochen, Marke germanisches Erfolgskinn, tätschelte bedächtig den kleinen Bauchansatz und stopfte das widerspenstige, weiße Leinenhemd in die Hose. Dann stolzierte ich, mit mir selbst im Einklang, davon, um eine Lücke in den Wall der Sicherheitsleute zu brechen.

Der Flensburger Hafen war in den vergangenen Jahren aus seinem Dornröschenschlaf erwacht. Eine erste Blütezeit zu Beginn des 17. Jahrhunderts wurde von anderthalb Jahrhunderten Krieg, Brandschatzung und niedergehendem Merkantilismus beendet. Dann brachte das Zuckerrohr von den dänischen Karibikinseln neuen Wohlstand und Flensburg wuchs von 1770 bis 1810 zur mächtigsten Handelsmetropole der nördlichen Hemisphäre. Die Kleinstadt, die im Laufe ihrer Geschichte mehrmals zwischen dänischer Blüte und deutscher Großmannssucht hin- und hergereicht wurde, unterhielt eine größere Flotte als Kopenhagen und setzte für vier goldene Jahrzehnte mehr Waren um als alle ehemaligen Hansestädte zusammen. Der Rum entpuppte sich als flüssiges Gold und ein Exportschlager erster Güte. Erst als die Melasse, die aus den Bäuchen der Schiffe über die Speicherhöfe in Flensburgs Rumbrennereien gelangte, wo sie zu vollmundiger Qualität veredelt wurde, in späteren Generationen durch den aus der vergleichsweise banalen Runkelrübe raffinierten Zucker ersetzt wurde, war es vorbei mit Flensburgs süßem Leben. Rohrzucker wurde viel zu teuer. Die Rumherstellung lohnte sich immer weniger. Korn, Wodka und andere Schnäpse liefen dem Rum den Rang ab. Und die Flensburger Saufnasen saßen ebenso wie die ehemals reichen Reeder lange Zeit auf dem Trockenen.

Mit dem Kaiser und imperialem Großmannsstreben erwachten Marine und Werften zu vorübergehender Vitalität. Aber der Wohlstand gab nur ein kurzes Zwischenspiel. Spätestens mit der bedingungslosen Kapitulation von Hitlers letztem Aufgebot unter Admiral von Dönitz war das Aufbäumen des einst so bedeutungsvollen Handelshafens als Intermezzo gescheitert. Einzig das Flottenkommando der Bundeswehr, das Kraftfahrbundesamt, die Firma Danfoss und Beate Uhse brachten das Provinzstädtchen ab und zu in die Schlagzeilen. Und die einstmals hoch am Wind segelnde Flensburger Flotte dümpelte mehr oder minder schlaff zwischen windigem Spießersex und dänischen Heizkörperthermostaten dahin.

Zum billigen Trost erfand der findige Flensburger den Kiosk, der in typischer hiesiger Übertreibung auch Trink- oder Trinkerhalle genannt wird. Dort kann man zwar keine Reichtümer umsetzen, aber immerhin den Kummer über verlorene Schätze gediegen ertränken. Böse Zungen lästern, dass auf 800 durstige Kehlen ein Kiosk kommt. Jetzt könnte ich behaupten, das sei bis heute so geblieben. Ist es aber nicht. Mit mir kamen die Touristen, vor allem die aus Skandinavien – und weitere Kioske. Na ja, dass die Flensburger ihre eigene glorreiche Geschichte entdeckten und wiederbelebten, mag auch mit rosigeren Zeiten zu tun haben.

In der Blüte der Kaiserzeit bekam Flensburg einen Salondampfer – die Alexandra. Als diese betagte Dame aus dem Dampfzeitalter auf Initiative einiger Privatleute aus dem Altersheim des rostenden Vergessens zu neuem Glanz restauriert wurde, ging ein Ruck durch die Fördestädter. Man besann sich seiner ru(h)mreichsten Tage. Jetzt schmaucht die elegante Alexandra wöchentlich ihr Pfeifchen, im Museumshafen wird gehobelt, beplankt und kalfatert, dass es eine Freude ist, und selbst die Werft baut wieder erstklassige Schiffe für die Welt. Mit Rum-Regatta, Dampf-Rundum und Tummelum feiert Flensburg sich selbst und zieht Touristen aus ganz Europa an.

Ein ganzer Schwarm von denen verließ die MS Europa gerade über die weiß schimmernde Gangway. Ich rieb mir die Hände.

Nach meiner bisherigen Erfahrung waren die meisten Kreuzfahrer froh, wenn sich ihnen helfende Hände anboten, die lästige Kleinigkeiten für sie erledigten. Hotels suchen, Mietwagen buchen oder in der Fremde Frühstück, Frauen und andere Zerstreuungen für sie finden, das war mein Job. Fast immer wurde mehr daraus. Hatten die Reisenden erst einmal spitzgekriegt, dass ich die Fördestadt kannte wie weiland Störtebeker die Küstengewässer, dann wurde ich nicht selten gleich noch als Mädchen für alles und Gästeführer über den Tag hinaus engagiert. Und das im Zeitalter des Individual-Tourismus.

Es war wieder so weit. Aus einer dieser unsinkbaren Titanenblechburgen mit Wellnessgarantie rollte eine Woge Frischlinge an. Ich stand wie ein Fels in der Brandung, beobachtete die hereinflutenden Neuankömmlinge und versuchte mit devoten Blicken neue Opfer zu ködern. Manche beäugten misstrauisch oder missbilligend die fremde Umgebung – besonders die Getreidesilos von Raiffeisen machten sich gut als Empfangskomitee –, andere gaben sich betont gleichgültig oder gar gelangweilt. Das waren die Verklemmten, die ich noch am ehesten becircen konnte. Nur wenige eilten zielstrebig nach draußen, um sich der wartenden Taxis und Busse zu bedienen. Die Fotografen schossen auf alles, was ihnen vor die Linse lief, und ihre Schlepper wetteiferten im Streit um den vielsprachigsten Verkaufsslang.

„Señor, Mesdames, schönes Foto von hübsche Lady in Flensburgo. Molto bene! Zu Hause Kollege zeigen, oder Nachbar. Cher ami, alle friends neidisch! Ca va bien, ah, quanta costa? Billig, minimal, very good quality, comprendre.“

Mich interessierten besonders die Zeitgenossen, die Taxis und Busse ignorierten und sich zu Fuß in Richtung Hafenspitze auf den Weg machten. Das Signalhorn der MS Europa begrüßte Flensburg und das Morgenrot über Mürwik mit lautem Tuten. Nun war auch der letzte Landgänger aufgewacht. Ein Ruck ging durch die Menge. Aufgeregtes Füßescharren, nervöses Hüsteln, freudiges Geschnatter, ein paar grölende Skandinavier, wild knipsende Japaner. Die Leute verhielten sich wie Rennbahnbesucher. Wie Wochenendwetter, die sich am Turf vergnügen wollen und Einlass begehren. Welcher Gaffer geht zuerst durchs Ziel? Wer schießt den schönsten Eingeborenen? Es hätte mich nicht gewundert, wenn die dritte Reihe ihre Vorderlader mit elektronisch verstärktem Zielfernrohr gezückt hätte.

Geschäftsmäßig taxierte ich eine dreiköpfige Familie, die auf ihr Gepäck zum Ausborden wartete. Edle Hartschalen aus poliertem Alu mit geräuscharmen Silikonrollen. Das versprach, wie auch die Kleidung meiner potentiellen Opfer, ein dickes Portemonnaie. Sie im eleganten auberginefarbenen Kostüm, die Frisur selbst nach bewegtem Törn perfekt geformt, das gesamte Make-up farblich auf ihren Typ und ihr Kostüm abgestimmt. Eine große Frau mit aufrechter Haltung, eine der Frauen, die wenig Wärme verströmen. Aber die Kälte, die sie umgab, schien ihre Jugend zu konservieren. Ich tippte auf Chefsekretärin oder Boutiquenbetreiberin. Es war unmöglich, ihr Alter zu schätzen. Sie hätte genauso Mitte Dreißig wie Ende Vierzig sein können. Ihr Mann war Ende Vierzig. Seit mindestens fünf Jahren schon. Die betont jugendliche Kleidung – Windbreaker mit Schulterpolstern, kragenloses Hemd ohne Krawatte und schwarze Hornbrille mit Brillenband – in Verbindung mit dem bereits ergrauten Haar, den Fettpölsterchen im Gesicht und vor allem den Falten am Hals ließ keinen anderen Schluss zu: Hier wollte jemand Jugend demonstrieren. Die Hautsäcke am Hals erinnerten mich aber eher an einen Leguan als an einen Twen. Und mit der kühlen Arroganz dieser Echsen bahnte der Mann seiner Familie einen Weg durch die Menge. Seine Frau folgte ihm, aber ihre Selbstsicherheit schien im Gegensatz zu seiner Arroganz nur aufgesetzt. Sie warf hektische Blicke um sich, als suche sie jemanden. Ihr Sohn konnte es nicht sein. Auch wenn sie ihm kaum Beachtung schenkte, er hing an Mamas Hand und trottete brav neben ihr her. Schien sich in seinem feinen blauen Anzug und in seiner Haut allerdings nicht besonders wohl zu fühlen.

Ich weiß nicht warum, aber irgendwie verspürte ich Sympathie für den herausgeputzten Knirps mit den strohblonden Haaren und den kecken Sommersprossen, die so gar nicht zu seinem spießigen Anzug passen wollten. Vielleicht weckte sein Äußeres Erinnerungen an eigene Kindheitstage. Ich dachte dabei an Papas Kleidungsvorschriften, an die ersehnten Turnschuhe, die ich nie bekam und an Mamas Selbstgehäkeltes, das ich tragen musste, allem Spott meiner lieben Mitschüler zum Trotz.

Flink  war der Knabe. Er  hatte  sich  von der Hand seiner Mutter losgerissen und an einem guten Dutzend Erwachsenenbeine vorbeigeschlängelt. Nun wuchtete er unter Aufbietung all seiner Kräfte einen klobigen, viel zu schweren Koffer auf einen Gepäckwagen. Die Großen schubsten und schoben und machten ihm seine Arbeit nicht gerade leichter. Prompt ging der Dreikäsehoch zu Boden und der Koffer mit ihm. Koffer und Kind gerieten unter rücksichtslos stampfende Füße. „Tom, pass auf!“, rief Papa Leguan. Wutentbrannt wollte er seinem bedrängten Filius zu Hilfe eilen. Doch die gaffgeile Menge ließ ihn nicht durch. Dem Kind musste geholfen werden. Ich beschloss, den Leuten unter die Arme zu greifen, und begann schimpfende Menschen wegzuschubsen.

Langsam lichtete sich die Menge. Bevor ich den kleinen Tom erreichen konnte, war Papa Leguan schon da, vergewisserte sich, dass sein Sohn unverletzt war, und half ihm, die verstreuten Kleidungsstücke in den lädierten Koffer zu räumen.

Offenbar hatte Toms Abenteuer nicht nur meine Aufmerksamkeit erregt. Ich sah, wie die Gucci-Typen von vorhin sich zielstrebig auf die Knienden zuschoben. Sonderbar war nur, dass beide den rechten Arm unters Sakko geschoben und die Hand unter die Achsel geklemmt hatten. Ich stutzte: Arm im Sakko, Hand unter der Achsel – ein neuer Tanz? Aber für Sambatänzer waren die Lackaffen zu unbeweglich. Und unpassend gekleidet. Außerdem kenne ich keinen Tanz, für den man Kanonen im Schulterhalfter benötigt. Die Gucci-Gorillas hatten es auf „meine“ Familie abgesehen. Ich handelte, ohne lange nachzudenken. Das passiert mir leider immer wieder.

„Moin moin“, sagte ich in bestem Hochdeutsch, „schauen Sie doch einmal unauffällig zu den beiden Typen dort. Ich weiß nicht, ob Sie die kennen. Und ich will es auch gar nicht wissen. Aber ich kann Ihnen und Ihrer Familie ein geräumiges Auto anbieten und ein gutes Hotel besorgen. Und zwar sofort.“

Papa Leguan hob seine linke Augenbraue, schaute zuerst auf die Gucci-Gorillas, dann zu mir, dann rief er seiner Frau zu: „Komm Helga, mach schnell, nimm dir den Jungen, ich schnapp mir die Koffer! Der junge Mann hier ist unser Chauffeur und Reiseleiter.“

Mit keinem Wort ging er auf die Gorillas ein. Jetzt nicht und später auch nicht. Wir hasteten zum Parkplatz – mein VW-Bully sprang unerwartet reibungslos an – und brausten los. Unsere charmanten Beschatter im Hummer hatten wir abgehängt. Hoffte ich.

Nach kurzer Absprache brachte ich die Fleischhauers, die mir mit vergrätzten Mienen sauertöpfisch versicherten, sich auf drei Tage Flensburg zu freuen, ins Strandhotel nach Glücksburg, dem Vorhof zum Rentnerhimmel. Ich knipste meinen offiziellen Gästeführer- und Vortragstonfall an und plapperte munter drauflos. „Am Kurstrand von Glücksburg, am Rande der lieblich bewaldeten Hügel von Friedeholz und Tremmerup, eingebettet zwischen Restaurants, Jugendstilvillen und einem Thingplatz der Altvorderen, liegt neben dem Betongrinsen einer 70er-Jahre-Terrassenruine das wegen seiner Küche und dem Service weit über die Grenzen der Region hinaus gelobte Hotel, mit atemberaubenden Ausblicken über die Förde, ihre Schifffahrt und die dänischen Ochseninseln. Ich übertreibe nicht, wenn ich Glücksburg nicht nur wegen seines berühmten Wasserschlosses, das übrigens von einem entfernten Verwandten unseres allseits geschätzten Klatschpresseprinzen und Queenlieblings Charles bewohnt wird, in einem Atemzug mit so wohl klingenden Namen wie Hiddensee, Scharbeutz, Travemünde, Kühlungsborn und Warnemünde nenne.“

Na ja, ein bisschen übertrieb ich vielleicht doch. Aber wir hier oben im äußersten Norden der Republik fielen so oft aus allen Schilderungen, Schwärmereien und selbst den Übertreibungen – wie etwa dem Wetterbericht – weg, dass ich mich zum Ausgleich manchmal ein wenig mehr ins Zeug legte.

„Das Land zwischen der Flensburger Förde im Norden und der Schlei um die alte Wikinger- und Domstadt Schleswig im Süden, wird nicht alleine wegen seiner Geheimnisse um die Abstammung halb Englands von vielen Mitteleuropäern besucht. Angeln mit seinen naturnahen Landschaften ist einfach ein Hingucker. Die Leute lieben ihren »Landarzt«, jedenfalls, wenn er als Fernsehserie daherkommt. Kappeln ist wohl die berühmteste Kleinstadt südlich von Bullerbü. Andererseits ist Flensburg trotz seiner Exportschlager Bier, Handys, Sexspielzeug und Tafelsilber immer noch die unbekannteste Schönheit im Norden.“

Mama, Papa und selbst Sohnemann Fleischhauer schenkten meiner blumigen Ansprache keine übermäßige Beachtung. Ich nahm an, sie beäugten beeindruckt meine herbschöne Heimat. Wohlan! Schon oft hatte ich meine Kunden im Strandhotel untergebracht. Ich hegte zwar den Verdacht, dass die Prominentenquote unter den Gästen die Zufriedenheit der gewöhnlichen Kundschaft nicht gerade geringfügig steigerte. Doch mir sollte es recht sein. Die anderen Hoteliers in Flensburg und Wassersleben zahlten überhaupt keine Provision.

Gemächlich tuckerten wir in meinem altersschwachen VW-Bully über die Mürwiker- und die Fördestraße am KBA vorbei und ließen Solitüde mit seinem schicken Strandbad genauso wie Deutschlands teuerstes Wellnesshotel, den Alten Meierhof an der Uferstraße, links liegen. Wir passierten die traurigen Reste des beinahe vollständig wegrationalisierten Flottenkommandos im Staatsforst und erreichten schließlich das Quellental und die Glücksburger Yachtschule. Sie hat schon so illustre Gäste wie König Juan Carlos von Spanien beherbergt, dümpelt aber seit geraumer Zeit wie ein lecker Prahm dahin. Das schönste Segelrevier der Welt vor der Haustür nützt wenig, wenn man die Schildbürger an die Ruderpinne lässt. Die setzen den eigenen Kahn lieber schnurstracks auf Grund, anstatt die Meere mit ihren schnittigen Yachten weiter weltweit zu pflügen.

Schließlich bogen wir links in den Kurpark ab.

Das Strandhotel ist gleich gegenüber vom Anleger am Kurstrand. Der künstlich angelegte Strand war mit Strandkörben gespickt. Ganz schön teures Vergnügen, den Alabasterkörper hier in Glücksburg in die kurtaxenpflichtigen Fluten zu stürzen. Heute unternahm die Alexandra, Flensburgs Salondampfer, eine Sonderfahrt und hatte mit qualmendem Schlot am Anleger fest gemacht. Eine Hochzeitsgesellschaft ging gerade an Bord, und ich dachte, dass es für ein paar Landeier aus Bayern nach einer Kreuzfahrt mit einem hypermodernen Ozeanriesen auf jeden Fall ein Erlebnis sein würde, die betagte Förde-Lady zu besichtigen. Tom war hellauf begeistert und wollte unbedingt an Bord. Aber seine Eltern hatten andere Pläne und drängten auf Einchecken. Nach ein paar halbherzig gemaulten Widerworten von Tom schulterte ich drei Reisetaschen und betrat die Lobby des Hotels.

Wenig später erkundigte Herbert Fleischhauer sich nach dem Preis für meine geleisteten Dienste, äußerte sich erfreut über meine günstige Pauschale und besiegelte mit feuchtem Händedruck meine Weiterverpflichtung. Keine Spur von Arroganz oder Nervosität. Kein Wort von den Gebrüdern Gucci. Soviel zu meiner Menschenkenntnis. Fleischhauers Frau war eine ganz Stille, schien ein bisschen abgespannt. Sicher urlaubsreif, die Ärmste. Mit Tom gab es sowieso keine Probleme.

„So weit, so gut“, dachte ich. „Ein ganz normaler Tag, also“, dachte ich. Zu viel Denken kann der Gesundheit schaden. Aber daran dachte ich nicht.

Ein Vorteil einer Kleinstadt sind die kurzen Wege. Bis zu  meinem exklusiven Domizil in Mürwik waren es fünf Autominuten. Man konnte das markante Halbrund der Pilotenkanzel meiner Do X schon von weitem erkennen. Das Flugschiff hatte drei Etagen und bei seinem Jungfernflug angeblich 172 Menschen einschließlich der blinden Passagiere an Bord gehabt. Es gab damals für die Fluggäste sechs große Aufenthalts- und Bewirtungsräume, die von Perserteppichen bis zu Mahagonifurnieren mit jedem erdenklichen Luxus ausgestattet waren. Im oberen Deck hinter der Pilotenkanzel befand sich ein Raum für den Navigator, den Funker und die Ersatzpiloten. Im unteren Deck war die Technik mit Maschinenraum und Tanks für Wasser, Abwasser, Öl und Benzin untergebracht. Außerdem gab es ein großes Badezimmer mit Ausblick über die Innenförde bis hin zum Ostseebad und der Bucht von Wassersleben. Der neuen RoRo-Fähre gegenüber in der Werft konnte ich von meinem Planschbecken aus direkt in die Eingeweide gucken. Das Bullauge in Wasserhöhe vermittelte dem fröhlich dahinplätschernden Badegast den Eindruck, man könne aus der Wanne gleich nebenan in die Fördefluten zum Weiterschäumen rollen. Aber die Kläranlage in Kielseng, zwischen Blücherbrücke und Industriehafen gelegen, leitete nur hundert Meter weiter südwestlich den gesammelten Flensburger Schiet und Dreck ein. Ich traute weder dem Schaum noch den Versprechungen von exzellenter Wasserqualität und Heringsschwärmen, die sich aus lauter Begeisterung über das Flensburger Abwasser erstmals seit Jahrzehnten zum Ablaichen im Hafen trafen. Ich genoss lieber das wirklich exzellente Badewasser in unserem Bad, Marke Eigenbau.

Zusammen mit Harm Feddersen und Hakim Draganzan hatte ich einen Monat lang alle halbverrotteten Ausrüstungsgegenstände und nicht tragenden Teile aus der Do X entfernt. Wir hatten den Rumpf der gewaltigen Maschine gründlich ausgekernt, entrostet, neu gestrichen und außerdem im Wohnbereich isoliert und teilweise mit Holz verkleidet. Bis auf einen kleinen 25-PS-Schiffsdiesel, der das Flugzeugschiff im augenblicklichen Zustand als einziger Motor antrieb, gab es lediglich einen alten Toyota-Motor, der uns als Generator zur eigenen Stromversorgung diente. Nichts ist unmöglich! Im mittleren Deck hatten wir uns auf insgesamt 75 Quadratmetern häuslich eingerichtet: eine große Gemeinschaftsküche am Heck des Flugschiffes, einen Wohnraum im Zentrum unter den Tragflächen und drei weitere Zimmer mit den typischen Bullaugenfenstern. Ich wohnte als einziger auf dem Kommandodeck und hatte es mir zwischen Hilfsmaschinenraum und Maschinenzentrale gemütlich gemacht, dem ehemaligen Funkerraum. Stella und Hakim bewohnten die vorderen Passagierräume, anno Tobak Bar und Rauchersalon, am Bug. Zum Heck hatten Harm Feddersen und Malee Löwenkind ihre Zimmer mit Aussicht über den inneren Hafen und mit Wandtäfelungen und Teppichen aus den Dreißigern. In Malees Zimmer hatte es in früheren Flugzeiten sogar eine kleine Schreibstube über den Wolken gegeben.

Hakim war emsig mit der Do X beschäftigt. Er arbeitete an den letzten verbliebenen Spanten und versah sie mit einer Spezialfolie, die wir uns je nach Finanzlage in England von einem spleenigen Zeppelinbauer besorgten.

„Hey, Mann, du leidest wohl unter akuter Arbeitswut“, flachste ich. „Ich könnte dir eine ausgezeichnete Therapie empfehlen.“

Doktor Hakim Draganzan lachte das wissende Lachen aller Mediziner, die den Normalsterblichen um Sphären voraus sind.

„Hör mal, du musst parallele Bahnen ziehen“, fügte ich hinzu.

Doch Hakims Blick ließ mich ohne Worte spüren, dass mir der tiefere Sinn der Tragflächenrestaurierung auf immer verborgen bliebe. Besserwisser hin, Großmaul her: Hakim ist nicht nur Arzt. Er ist begeisterter Pilot. Und die lassen sich durch nichts aus der Ruhe bringen. Behaupten sie. Seit seiner Flucht aus dem Iran der Ajatollahs befasst Dr. Hakim Draganzan, der ehemalige Leibarzt eines ehemaligen Schahfreundes und jetzigen Obermullahs, sich nur noch mit solchen Verrichtungen, die Seelenruhe verlangen oder bringen. Oder beides. Stella Bock, seine quirlige Freundin, ist der einzige Mensch, der Hakims sorgsam geschichtete Ruhepolster hin und wieder durchdringt. Fliegende Ärzte sind sicher keine Seltenheit. Aber ein passionierter Pilot, der aus Persien stammt, Pathologe ist und in einem fluguntauglichen Flugschiff haust, von dem es weltweit nur drei oder vielleicht doch vier (denn unsere Do X trug einmal die Kennung: Do X4) Exemplare gab…

Na ja, Flensburg ist schließlich in aller Welt berühmt für ihre kreativen Köpfe, ihre Frei- und Querdenker. Ich selbst war auch nicht gerade ein Musterexemplar Biedermannscher Beflissenheit. Obschon – die vergangenen drei Wochen hatten meinem Phlegma böse zugesetzt. Ferienzeit in Europa. Wenn andere ausspannen, muss ich schuften. Mit durchschnittlich neun Stunden Schlaf bewegt sich der gestandene Müßiggänger ständig am Rande eines Nervenzusammenbruchs. Glücklicherweise hatte ich den Arzt gleich im Haus. Zwar bestand Hakims Kundschaft bei der Gerichtsmedizin hauptsächlich aus Toten, doch wenn ich es recht bedenke, fehlte nicht viel, und auch ich hätte mich zu seinen Patienten gezählt. Mit einem dieser praktischen Pappschilder am großen Zeh: tbA, m/5, 0630. Fünfter männlicher Toter bei Ankunft um sechs Uhr dreißig.

Ich schüttelte müde den Kopf und ging in die Gemeinschaftsküche, um mir ein kaltes Bier zu besorgen. Aus den vier Autolautsprechern, die Hakim ins Kabinendach eingebaut hatte, rauschte und kratzte mir Cat Stevens’ Peace Train von einer Original-LP entgegen. Malee Löwenkind war genauso durstig wie ich. Unser Musikgeschmack und unsere Trinkgewohnheiten mögen ähnlich sein, in einem entscheidenden Punkt unterscheiden wir uns voneinander wie eine Nutte von einer Nonne. Malee gehört zur Kaste der arbeitenden Menschen. Geregelte Verhältnisse würde Harm das nennen.

Malee übersetzt alles Mögliche für alle möglichen Verlage. Ihren Namen hatte sie mir auch schon übersetzt. Malee ist Thai und heißt Blume.

„Na, meine kleine Blume, akuter Anfall von Arbeitswut?“

Meine Originalität kannte heute wieder keine Grenzen.

„Bääh!“ Mit einer entzückenden Grimasse streckte sie mir die niedlichste Zunge heraus, die ich je gesehen habe. So klein, so zart, so rosa. Ein schier unerschöpflicher Quell lustspendender Bewegung …

Unsere Beziehung war rein platonisch – bislang.

„Ich übersetze gerade DAS KAPITAL ins Hebräische. Ein Bier kann ich jetzt echt gut haben. Manchmal glaube ich, es müsste einfacher sein, einem orthodoxen Juden eine Eigentumswohnung in Gaza-Stadt zu verkaufen.“

„Du kannst deine jüdische Krämerseele eben doch nicht verleugnen, kleine Blume“, versuchte ich sie zu triezen.

Aber sie machte mir die Freude nicht.

Man kann Malee das eine oder andere vorwerfen. Der inflationäre Gebrauch ihres so erotischen Geschmacksmuskels gehört leider nicht dazu. Schade! Doch gottlob geizte sie nicht mit anderen Reizen. Asiatische Anmut und orientalische Schlitzohrigkeit hatten sich bei Malee auf erfrischende Weise miteinander verbunden.

„Sollte die ‚Krämerseele‘ etwa eine Anspielung auf meinen jüdischen Vater sein?“

Ich nickte.

„Mein Vater war New Yorker und zwar ein originaler.“

„Ich weiß“, sagte ich, „ein Koreakämpfer. Und deine Mutter eine thailändische Tempeltänzerin.“ Das hatte Harm mir erzählt. „Ob es in Flensburg überhaupt noch waschechte Flensburger gibt?“

„Buten und Binnen“, sagte Malee trocken. „Auf der Rude soll man im letzten Herbst einen gesichtet haben. Kann aber auch ein Gerücht gewesen sein. Ich glaube eher, dass unser Haushalt dem Flensburger Durchschnitt entspricht. Ist Harm nicht made in Flens?“

„Made in oder made by, das ist hier die Frage“, erwiderte ich gewohnt launig. „Nein, ich glaube, Harm ist original Reeperbahn, mindestens so waschecht wie Hans Albers.“

„Und Stella, wo stand deren Wiege?“

„Stella Bock! Reinrassige Rheinländerin, ich glaube Essen, oder Duisburg? Na ja, Ruhrpott eben.“

Für heute reichte es mir. So viele Menschen bekam ich sonst in einer Woche nicht zu Gesicht. Ich verzog mich auf mein Bug-Zimmer und führte mir ein Gedicht des großen Paul Celan zu Gemüte. Als psychologisierender Nachwuchs-Poet musste ich  schließlich auf dem Laufenden bleiben.

Steinhaube Zeit…                                           ***

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2 Kommentare auf "Fortsetzungsroman: Förde Findling – Kapitel 1"

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Bernd Sieberichs
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Schreibwerkstatt Bernd Sieberichs Und wer Zeit und Lust hat, ein bisschen Schreiblust und eine Prise Phantasie mitbringt sowie eine Brise Kreativität durch Flensburgs Denk- und Dichterstübchen brausen lassen möchte, der schließt sich ab 10 Euronen jeden Dienstag von 20 bis 22 Uhr meiner offenen Schreibgruppe an. Infos unter: http://www.schreib-therapie.de Um Anmeldung wird gebeten: wunschworte (at) web.de

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