Dass Flensburg ein Burgenstandort war davon zeugt noch heute gut erkennbar dessen Name. Nur wo sich diese Burgen befanden und befinden ist heutzutage für den außenstehenden Stadtreisenden nur schwer in Erfahrung zu bringen. Alteingesessenen Bürger werden sicher auf Nachfrage eine ganze Handvoll Burgstandorte aufzählen können. Aber die genaue Anzahl anzugeben fällt dann doch schwer. In der Idealvorstellung mag eine Burg der Sitz eines Kaisers sein, dessen Hofstaat aus hunderten Personen besteht, insbesondere aus Rittern, Soldaten auf Pferden sowie Jungfrauen die mittels Minnesang umworben werden. Eine Kaiser- und Ritterburg also, welche aus machtvollsten, unüberwindbare Mauern besteht und die Türme besitzt, von denen weit übers Land hinabgeblickt werden kann. Zugegeben, eine solch märchenhafte Klischeeburg ist selbstverständlich an der Flensburger Förde nicht zu entdecken.

Die Förde gilt heutzutage als ein eher ruhiges, bekömmliches Seglerrevier. Doch einst fürchteten die Bewohner Angelns die feindlichen Angriffe die von See kamen und siedelten daher zunächst im Hinterland. Erst im 12. Jahrhundert siedelten sie sich am Ende der Förde an. Flensburgs Gründungssage erzählt vom Ritter Fleno aus dem nordfriesischen Leck, der auf den Befehl von Herzog Knud Laward, dessen Burgsitz auf der Möweninsel in Schleswig lag, nach Flensburg ging, um die an der Förde siedelnden Fischer zu unterwerfen und zu beschützten. Ob ein Ritter namens Fleno existierte, gilt heute als umstritten. Einen nordfriesischen und schleswigschen Einfluss auf die neu gegründete Siedlung, wie ihn die Sage andeutet dürfte es aber sicher gegeben haben.

Im Johannisviertel, wo die ersten Siedler sich niederließen, sind noch heute beim Dammhofareal die Überreste der ersten Burg Flensburgs zu finden. Der Burghügel befindet sich am Rande des Parkplatzes der Handwerkskammer. Auch ein umschließendes Burggrabensystem wurde nachgewiesen. Der Straßenname „Am Dammhof“ zeugt heute ebenfalls noch von der Burganlage. Das Wort „Dam“ hat im Dänischen die Bedeutung „Teich“.

Neben dieser Burg sollen sich nach weiteren Sagen fünf Burgen im Umfeld Flensburgs befunden haben, die von Rittern bewohnt waren, die der aufstrebenden Stadt nicht wohlgesinnt waren und Reisende und Händler der Stadt überfielen. Auf der Burg Eddeboe in der Marienhölzung soll einer dieser Ritter gesessen haben, der es besonders schlimm trieb und Mädchen der Gegend raubte und schändete. Das junge Flensburg suchte nach einem Weg, diese „Raubritter“ loszuwerden, was möglicherweise schließlich mit Gewalt gelang. Von der Eddeboe blieben Wallanlagen und Burggräben erhalten. Die anderen in diesem Sagenkomplex genannten Burgstandorte sind nur grob lokalisierbar. Einer lag beim Weinberg in Weiche.

Später entstanden zur Befestigung der Stadt neben der Stadtmauer aus dem 14. Jahrhundert noch weitere kleine Burganlagen. Eine solche Burganlage befand sich am Hafen, am Ende der Neuen Straße. Diese Burg gilt heute in der Wissenschaft als Vorlage für das Flensburger Wappen. Eine weitere Burg befand sich unweit in der Marienstraße, früher Norderkuhgang genannt. Auf dem Areal dieser „Kuhgangsburg“ errichtete später der bedeutsame Flensburger Architekt Paul Ziegler in höchst historisierender Weise den Burghof, ein Vorgehen das von vielen heutigen Architekten massivst abgelehnt wird. Beim Lille Teater ist der Erdhügel auf dem ursprünglich die Turmburg stand noch heute in Teilen erkennbar. Ihr Turmhügel ist heute noch gut erhalten. Auf dem Marienberg oberhalb der Altstadt ungefähr an der Ecke Landsknechtstraße/Turnierstraße lag der Hof Flenstoft. Auch die Burg Niehuus, einige Kilometer entfernt von der Altstadt, sollte die Stadt nach Norden schützen. Die Stadt wurde also im Mittelalter nicht nur durch die Stadtmauer beschützt sondern auch ergänzend durch Burgen. Unweit bei Niehuus befindet sich noch heute der Hof Oldemorstoft beziehungsweise  Waldemarstoft. Der Hof soll der Sage nach als Jagdschloss König Waldemars IV. gedient haben. Der durch den König privilegierte Hof diente später als Gasthof und Hardesvogtei. Heutzutage beherbergt er ein Museum sowie ein kleines Hof-Café.

1411/12 wurde der schon erwähnte Hof Flenstoft abgerissen und durch die Duburg ersetzt, mit der die dänische Krone ihren Machtanspruch über die Stadt sichern wollte. 1412 gelang es Erich Krummendiek vom Gut Rundhof bei Gelting nicht die noch im Bau befindliche Duburg zu erobern. Weitere gescheiterte Angriffe auf die Duburg folgten 1422 und 1427. Erst 1431 konnte die Duburg von den Holsteinern erobert werden. Die Duburg wurde trotz der Niederlage später weiterhin bewohnt. 1526 wurde auf der Duburg Herzog Adolf geboren und 1646 wurde König Christian V. auf der Duburg geboren. Doch schon seit dem 16. Jahrhundert zerfiel die Burg offenbar schon nach und nach. Seit dem 18. Jahrhundert wurde die Duburg schrittweise abgerissen. Paul Ziegler errichtete auf dem Areal der Hauptburg die Schloss-Duburg-Schule für die Handelslehranstalt. Drei Giebel erhielt die Schule ähnlich wie die Duburg auf einem letzten Bild dargestellt worden war. Seit dem Niedergang des Schlosses entstanden zahlreiche Geistergeschichten um den Schlossgrund. In Neujahrsnächten soll die Burg in ihrer alten Herrlichkeit wieder auftauchen.

Aber außerhalb des unmittelbaren Flensburger Stadtgebietes existierten eine Unzahl von Burgen. Auf der nördlichen Fördeseite bei Broacker befindet sich der Schmölwall und bei der Halbinsel Kekenis die Kajborg, die vermutlich der Abwehr von Piraten dienten. Nicht zu vergessen ist das Schloss Sonderburg, das König Waldemar I. errichten ließ. Im 16. Jahrhundert war dort der abgesetzte König Christian II. Inhaftiert. Das weniger bekannte Schloss Sandbjerg nordwestlich von Sonderburg stammt aus dem 16. Jahrhundert. Das nordöstlich gelegen Schloss Augustenburg enstand im darauffolgenden Jahrhundert. Auf der selben Fördeseite ist zudem Schloss Gravenstein nicht zu vergessen, dass jedoch erst im 18. Jahrhundert entstand.

Auch im Angelner Hinterland von Flensburg befanden sich zahlreiche Burgen die teilweise nur noch schwach im Boden erkennbar sind. Offenbar befanden sich insbesondere rund um Husby zahlreiche Burgen. Auf der Nordseite des Winderatter Sees lag Alt-Seegaard. Auch von diesem Schlossgrund behaupten Sagen, dass es dort spuken soll. Auf der Südseite des Sees sind Überreste von der Grauburg erhalten. Dort sollen einer weiteren Sage nach die Herren von Winde gelebt haben. Das Geschlecht soll dem See sowie dem nahgelegen Ort Winderatt seinen Namen gegeben haben. Nördlich von Husby befanden sich die Burgen Nedderby und Mögstedt. Letztere diente vermutlich als Fluchtburg. Zwei weitere vermutete Burgen im Husbyer Gebiet sind nur ungenau verortbar. Im benachbarten Ausacker wurden Überreste der Turmhügelburg Böge-Schloss entdeckt.

Schon ganze 15. Kilometer entfernt von Flensburg befand sich bei Satrup die Burg Satrupholm. Flensburgern ist Satrupholm bekannt, da dort einst ein Adelbyer Prediger einer Sage nach versucht haben soll, den Geist des vorherigen Besitzers zu bannen, was ihm nicht gelang. Ein Studiumsabbrecher soll später erfolgreicher gewesen sein. Am Ortsrand von Flensburg beim Weiler Rosgaard in der Gemeinde Wees, fand im 16. Jahrhundert erstmals die gleichnamige Burg Rosgaard Erwähnung, von der jedoch mittlerweile nicht mehr viel zu sehen ist. Bei Handewitt befand sich eine Turmhügelburg, bei der unklar ist aus welcher Zeit sie stammt. Die Konturen der Turmhügelburg Handewitt sind heute aber nur noch schwer im Boden erkennbar. Westlich von Flensburg lag im Übrigen auch das Schloß Lindewitt. Auch von dieser Burganlage sind Sagen überliefert. Der Nis Puk vom besagten Lindewitt-Hof soll sich einst schalkhaft an einem Knecht gerächt haben der ihn zuvor geärgert hatte.

Das wunderschöne Schloss Glücksburg, eines der Wahrzeichen der Region, wurde erst im Jahr 1582, nach der Reformation und dem Beginn der Neuzeit errichtet. Vorgängerbauten des Schlosses waren das Rüdekloster sowie vermutlich eine Turmhügelburg von der heute der Turmhügel noch als kleine Schwaneninsel erhalten blieb. Die Glücksburger Herzöge besaßen bei Steinbergkirche die Burg Nübel, das Jagdschloss Friedrichstal und das Schloss Philipsthal, die heute als landwirtschaftliche Betriebe weiterexistieren. Das Gut Lundsgaard bei Grundhof gehörte nicht den Glücksburger Herzogen sondern dem Adelsgeschlecht der Rantzaus.

Im 18. und 19. Jahrhundert begann das aufstrebende Bürgertum damit bürgerliche Burgen zu errichten. Die Burg Schöneck im Nordergraben gehört zu den Villenburgen. Mit ihrem ursprünglichen Turm und ihrer Lage dürfte sie einst am Fördehang besonders präsent gewesen sein. Errichtet wurde Burg Schöneck vom Architekten Alexander in den Jahren 1883/84 im Auftrag der Familie Hübsch, deren Kaufmanns-Wappen am Wappenfenster der St. Nikolai zu finden ist. Heute befindet sich in der Burg Schöneck das dänische Konsulat. Prales bekanntestes Bauwerk dürfte der Bismarckturm auf dem Scheersberg sein, der 1903 ebenfalls in der Gestalt eines Burgturmes errichtet wurde. Die St. Knudsborg beim Munktetoft steht ebenfalls nicht auf einem alten Burgareal. Die ursprüngliche St. Knudsgilde, die ähnlich der Hanse agierte, hatte ihren Sitz im Knudsgildehof, Holm 45. Die „Restaurantburg“ am Munketoft des heutigen bürgerlichen Vereins büßte ihr ursprünglich burgmäßigeres Aussehen durch moderne Anbauten ein. Unweit dem Restaurant St. Knudsborg stand für fast 140 Jahre die Prachtvilla Margarethenburg, die von einem Weinhändler errichtet wurde. Die Villenburg mit der Adresse Munketoft 68 wurde durch mehrfache Brandstiftungen zerstört und schließlich 1984 abgerissen. Auch das ursprüngliche Stadtpalais der Kaufmannsfamilie Christiansen, im Bereich Holm 10/12 ist in der Reihe bürgerlicher Burgen zu nennen. Das Palais wurde durch den heutigen noch erhaltenen Neubau ersetzt. Des Weiteren wird der Sitz des ältesten unabhängige Rumhauses der Stadt Marienburg genannt. In der Innenstadt befindet sich nebenbei erwähnt auch Flensburgs Gefängnis das mit seinen Türmchen etwas an einer Festung erinnert und daher Schloss Rotenstein genannt wird. Das vorherige Gefängnis befand sich hinter dem Rathaus beim Thingplatz. Der Neubau entstand in den 1880er Jahren.

Im 19. Jahrhundert entwickelte sich im Quellental die Keimzelle des Glücksburger Tourismus. Das alte Restaurant, das den Spitznamen „Waldschlösschen“ trägt, wird zur Zeit renoviert und wird bald wieder eröffnen. Solitüde wurde 1841 von einem königlich-dänischen Kammerherrn erworben, namens Baron Schack von Brockdorff zu Petersholm und Thomasgaard. Den Sitz den er sich erbaute, wurde 1924 zur Sommerwirtschaft umgebaut und besteht als Restaurant noch heute fort. Das Strandhotel Glücksburg im Ortsteil Sandwig wurde 1872 errichtet. Das Strandhotel wird heute auch „Weißes Schloss am Meer“ genannt. Kaiser Wilhelm II. besuchte mit seiner Yacht das Haus im Jahre 1890. Zu seinen Ehren wurde  ein Kaiser-Menü mit zwölf Gängen und zehn Weinen ausgerichtet. In Mürwik ließ der Kaiser in den Jahren 1907 bis 1910 vom Architekten Adalbert Kelm die Marinschule Mürwik nach dem Vorbild der Ordensburg Marienburg errichten. Zuvor war seit 1896 die besagte Marienburg und von 1901 bis 1908 im Elsass die Hohkönigsburg restauriert worden. Bei der Einweihung der Hohkönigsburg erklärte Wilhelm II. zur Bedeutung dieser Bauwerke: „Möge die Hohkönigsburg hier im Westen des Reiches, wie die Marienburg im Osten, als ein Wahrzeichen deutscher Kultur und Macht bis in die fernsten Zeiten erhalten bleiben.“ Im November 1910 reiste der Kaiser nach Flensburg und weihte die Marineschule Mürwik ein, die später den Namen Rotes Schloss erhielt. Der Architekt Adalber Kelm war übrigens mit dem Architekten Eugen Fink zusammen auch für die festungsähnliche Sonderburg-Kaserne verantwortlich, die schon zuvor in den Jahren 1905 bis 1907 errichtet worden war.

In der Zeit des Nationalsozialismus wurden in Flensburg zum Schutz gegen den begonnen Krieg mehrere Bunker errichtet. Von diesen Bunker blieben auch zwei leicht burgturmähnliche Bunker erhalten. Diese beiden Zombeck-Türme im Trollseeweg wurden im Gegensatz zu baugleichen Exemplaren jedoch nicht mit Ziegelsteinen verkleidet. Die ebenfalls in dieser Zeit errichtete Kaserne in Meierwik weist eine leichte optische Ähnlichkeiten zu sogenannten NS-Ordensburgen auf. Nach dem Krieg zog in Meierwik das Flottenkommando der Bundeswehr ein, die der im Wald versteckten Anlage ihren heutigen Namen gab. Zu guter Letzt sei noch die Turmburgruine Erlkron genannt. Sie befindet sich am Rand oberhalb im Schwenautal. Erlrkon  wurde Anfang des 20. Jahrhunderts als künstliche Ruine aus Steinen der Duburg errichtet. Vor einigen Jahren wurde Erlkron restauriert, die ursprünglichen Burgzinnen wurde aber nicht wieder hergestellt.

Die dennoch erfolgreiche Restaurierung Erlkrons läst Hoffnung zu, dass Flensburgs vergessene Burgen in Zukunft nicht weiter zerfallen, wie es in den letzen Jahrhunderten viel zu häufig geschah.

 

von Sönke Rahn

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